Das Leben schreibt die besten Geschichten
Jedes Leben schreibt seine eigenen Geschichten. Manchmal geht es vorwärts oder nach links, manchmal abwärts oder nach rechts. Wohin auch immer der Weg einen führt, er ist etwas Einzigartiges. Und trotzdem erinnern oft viele fremde Geschichten an das eigene Leben. Gerne erzähle ich Ihnen ein paar persönliche Erlebnisse, und wer weiss, vielleicht haben Sie ja etwas ganz Ähnliches erlebt. Lesen Sie Beispiele aus meinen Kolumnen.
Meine Schweiz, mein Zuhause
Wissen Sie es noch? Als Kind war ein Schwank im TV ein Ereignis. Die gesamte Familie sass am Samstagabend in der Stube vor dem Fernseher und schaute Schwänke von Rudolf Bernhard, Ruedi Walter, Margrit Rainer sowie dem blutjungen Jörg Schneider. Alle fieberten wir mit und waren froh, dass die Theater glücklich endeten. Alles andere hätten wir nicht ertragen. Auch der Ski-Weltcup oder Krimis wie die Durbridge-Filme waren Strassenfeger. Sitzungen wurden dafür verschoben oder abgesagt, die Kirche am Sonntag hörte wegen eines Abfahrtsrennens früher auf. Und alle waren dadurch vereint. Es herrschte auch noch irgendwie das Nachkriegsgefühl: Gemeinsam sind wir stark, und man muss zusammenhalten. Das war gut und richtig.
Dann die erste Mondlandung! Wir Kinder durften beim Herrn Pfarrer dieses Ereignis miterleben. Mucksmäuschenstill sassen wir dort und konnten nicht begreifen, was da vor sich ging. Schliesslich war man doch noch nicht einmal in einer Stadt gewesen, und erst recht nicht konnte man sich das Weltall vorstellen.
Es war eine spezielle Zeit, und die Schweiz hat sich seither massiv verändert – und wir uns auch! Aber glücklich war ich in der Schweiz immer und bin dankbar, hier wohnen zu dürfen.
Unser Land wird sich weiterhin behaupten, wenn wir uns auch weiterhin Mühe geben und nicht alles als selbstverständlich anschauen.
Ich freue mich, mit Ihnen hier leben zu dürfen.
Doch einmal der Erste …
Als ich fünf Jahre alt war, gab es in unserem Bergdorf noch keinen Kindergarten. Doch es gab schon fortschrittliche Leute in der Gemeinde, die einen solchen forderten. Das «Unternehmen KIGA» sollte aber auf freiwilliger Basis laufen.
Initiative Einwohner sammelten Unterschriften bei Eltern im Dorf, die möglicherweise Interesse an diesem Vorhaben haben könnten. Das war kein einfaches Unterfangen. Bei den meisten Einwohnern – von Beruf Bauern – hiess es, dass es zu Hause genügend Arbeit gäbe. Und für das Spielen der Kinder noch zu bezahlen, nein, das war unvorstellbar.
Die Initianten ersuchten auch meinen Vater um eine Unterschrift, doch der war anfänglich gar nicht begeistert von der Idee. «Es nimmt mich nur wunder, für was das gut sein sollte. Spielen können die Kinder auch daheim, falls sie neben der Arbeit zu viel Zeit haben!»
Die Hartnäckigkeit der Unterschriftensammler brachte meinen Vater schliesslich dazu, doch für einen Kindergarten zu unterschreiben. Es wurde ihm ein leeres Blatt vorgelegt. «Bin ich etwa der Erste, der hier unterschreibt?», fragte mein Vater skeptisch. Das war er in der Tat. Deshalb brauchte es nochmals eine grosse Portion Überzeugungsarbeit, bis er wirklich als Erster unterschrieb. Was sie meinem Vater wohl dafür versprachen? Vielleicht, dass ich immer die Suppe ausessen oder später Pfarrer werden würde – ein Wunsch, der in einer katholischen Familie zu jener Zeit inniglich vorhanden war. Suppe esse ich heute kaum mehr, und katholischer Pfarrer? Nun, ich habe mittlerweile drei Töchter – aber es gab ja schon Päpste mit Kindern ...
Auf jeden Fall kam es dazu, dass ich der allererste Kindergärtler im Bergdorf war – auf freiwilliger Basis
Als man noch Bücher las
Das war etwas ganz Tolles in der Primarschule: die kleine Schulbibliothek. Zu Hause hatten wir kaum Bücher, denn das war zu teuer. Und so war ich als Schüler froh, wenn ich von der Schulbibliothek Bücher ausleihen konnte. Diese Bibliothek befand sich im Klassenzimmer, und die Bücher standen nur den oberen Klassen zur Verfügung. Ich durfte in der 5. und 6. Klasse das kleine Büchlein mit den Ausleihungen führen. Ich war da der stolze Chef, und sehr genau nahm ich diese Arbeit. Noch Jahre später erzählte ich, dass ich das einmalige Datum 6.6.66 (6. Juni 1966) eintragen durfte. Für so eine Zahl musste man wieder 11 Jahre warten! Ich verschlang in meiner wenigen Freizeit die Bücher, welche Abenteuer beinhalteten. Im Schulschrank waren auch die Winnetou-Bücher zu finden, und alle, die diese Bücher lasen, waren begeistert. Einmal, und nur einmal, lieh ich mir das Buch «Der Schatz im Silbersee» von Karl May aus. Ich las ca. 40 Seiten – und nicht mehr. Nein, das war keine Literatur für mich. Ich schlug das Buch zu, ohne den Schluss zu kennen, und lernte noch jahrelang Leute kennen, die von den Winnetou-Büchern und -Filmen schwärmten.
Da zeigt es sich klar, dass Geschmäcker grundverschieden sind, und ein berühmter Mann hat zu Recht einmal gesagt: «Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Den hat man.» So musste ich auch lernen, dass nicht alle das Gleiche gut finden wie ich, und das ist gut so. Respektieren wir den Geschmack anderer Personen, auch wenn es manchmal schwerfällt. Bücher lese ich fast nicht mehr, denn im Büro muss ich so viel lesen, dass ich die Freizeit lieber als Do-it-yourself-Mann oder schlafend verbringe. Schlafen mache scheinbar schön? Davon gemerkt habe ich allerdings nichts.